Orbans Kampagne gegen CEU

veröffentlicht in Der Falter, 19.4.2017

 

ceuval

Die Vertreibung ist für die Central European University (CEU) nichts Neues. Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung mit drei Standorten in Warschau, Prag und Budapest musste sie 1996 die tschechische Republik verlassen. Der damalige tschechische Ministerpräsident Vaclav Klaus die Universität aus Prag verbannt. Was damals mehr wie ein persönlicher Konflikt zwischen Klaus und George Soros, Miliardär und Universitätsgründer, erschien zeichnete die Entwicklung vor. Klaus sollte sich zu einem euroskeptischen rechtsnationalen Politiker entwickeln, der heute sowohl die Politik der FPÖ, als auch Viktor Orbans lobt. Damals war die Universität noch in Ungarn willkommen. Soros war und blieb jedoch eine Schreckgespenst für nationalistische Politiker in Osteuropa. Seine jüdische Herkunft und sein finanzieller Erfolg machten ihn zu einem idealen antisemitischen Feindbild. Zudem machte seine Unterstützung für Zivilgesellschaft und soziale schwache Gruppen, wie Roma, ihn zum Gegner für Anhänger autoritärer und staatsgläubiger Rechte und Linke in der Region. Von Miloševićs Serbien bis zu Putins Russland war er immer wieder das Inbild des liberalen, subversiven Westens.  Absolventen der CEU wurden immer wieder Schikanen ausgesetzt: Mal wurden ihre Diplome nicht anerkannt, mal wurde ihnen andere bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt. Auch Neid spielt mit hinein. Die Universität arbeitet mit einer Ausstattung und auf einem Weltklasse-Niveau, mit dem kaum eine Unis im post-kommunistischen Europa mithalten konnte.  Die Person Soros, die liberale, kritisch-hinterfragende Ausbildung und die Bedrohung hierarchischer Bildungsstrukturen machte die CEU zu einem beliebten Feindbild.

Auch nach Viktor Orbans Machtübernahme 2010 schien CEU in Budapest sicher, während er langsam, aber zielsicher die liberale Demokratie in Ungarn demontiert. Die Universität wirkt in erster Linie über die Grenzen Ungarns hinweg. Aus einer Universität für Studenten aus dem post-kommunistischen Europa war längst eine internationale Institution mit Studenten aus über 100 Ländern geworden. Studenten aus Ungarn sind nur eine kleine Minderheit der rund 1.500 Studenten. Diese stellen selbst mit der besten Phantasie kaum eine Bedrohung für Orban und sein national-konservatives Ungarn dar. Auch wenn an der Universität immer wieder auch Kritik zu Regierung Orbans geäußert wurde, hielt sie sich mit einer direkten Konfrontation zurück.

Der 8. November 2016 war der Wetterwechsel, der die Konfrontation zwischen Orban und CEU einleitete. Bis dahin konnte sich die Uni, die sowohl in Ungarn, als auch in den USA registriert ist, amerikanischer Rückdeckung sicher sein. Einen Eingriff in die Universität war für die USA eine “red line”, die Orban nicht überqueren durfte. frei. Mit der Wahl von Trump, der ähnlich wie Orban in seinen politischen Gegnern Feinde sieht, für internationale Kooperation Zusammenarbeit nur Spott übrig hat,  schien die Zeit für Orban gekommen, gegen CEU vorzugehen.

Auch wenn das “Lex CEU” scheinbar unerwartet Ende März von der Regierung in nur einer Woche durchgepeitscht wurde, lag es in der Luft, dass Orban den Macht- und Paradigmenwechsel in den USA als Anlass nehmen würde, gegen CEU vorzugehen.

Was Orban und seine Partei bewegte im Eilverfahren binnen einer Woche per Gesetzesänderung die Arbeit der CEU unmöglich zu machen kann nur spekuliert werden. Alle offiziellen Gründe, von der Behauptung, dass es sich nur um eine formale Änderung handelt, bis hin zu Angriffen auf die Universität als betrügerisch wiedersprachen einander und waren kaum glaubwürdig. Tatsächlich ist CEU Opfer Orbans national-konservativer Politik, die jegliche “Einmischung” von Außen ablehnt. Nicht zuletzt die suggestive Volksbefragung “Stoppt Brüssel” zeigt, dass neben Soros auch die EU Ziel seiner Politik ist. Bisher hat Orban es geschafft im Land zu regieren, wie man es von rechts-nationalistischen Parteien, wie der Front Nationale in Frankreich erwarten würde, ohne auf zu viele Kritik und Ausgrenzung durch die EU, andere Staaten und auch die europäische Volkspartei (EVP) zu stoßen. Gerade die EVP, der konservative Parteien aus der EU, so auch die ÖVP, angehören, hat sich immer wieder aus machtpolitischen Gründen vor einen offenen Abgrenzung von Orban geziert. Somit konnte Orban in Ungarn sehr viel weiter gehen, als Kaczyńskis Partei “Recht und Gerechtigkeit” (PiS) in Polen, die nicht der EVP angehört.

Das Lex CEU könnte jedoch eine Kehrtwende bedeuten. Erstmals kritisiert die EU Führung, sowie auch führende Mitglieder der EVP die Entscheidung offen und kaum eine andere repressive Entscheidung der Regierung seit 2010 hat so viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie den Versuch CEU zu schließen. Die wird kaum Ausreichen, die Macht Orbans in Ungarn zu brechen, für ungarische Wähler ist die CEU unwichtig, aber der Konflikt kann ihm wichtige internationale Rückendeckung kosten.

CEU wird nicht schließen. So viel hat der Rektor Michael Igantieff, ein angesehener kanadischer Intellektueller, erklärt. Gerade heute schient Budapest der ideale Ort zu sein, die Mission der Universität zu erfüllen. Orban hat durch das Gesetz der Universität ihre Daseinsberechtigung bestätigt und sie aus der Defensive geholt. Nie zuvor hat die CEU soviel internationale Aufmerksamkeit erhalten, und nie zuvor war ihre Bedeutung so sichtbar wie in den letzten Wochen.

Ob die Universität auch nach der Unterzeichnung des Gesetzes durch den ungarischen Präsidenten Adler dazu in der Lage sein wird, ist unklar. Die Angebote von zahlreichen Städten, so auch Wien, die CEU beherbergen zu wollen sind großzügige Gesten der Unterstützung gewesen, doch letztlich ist die Universität dort am besten aufgehoben, wo sie unbequem ist.

Die Aleksandar Vučić Show in der Krise

Vucic inauguration Photo by Anadolu

Man würde glauben, so sieht ein Sieger aus: Aleksander Vučić hat seit 2012 vier Wahlen gewonnen. 2012 wurde seine Fortschrittspartei stärkste Kraft er tritt in die Regierung ein, zwei Jahre später wird er Ministerpräsident, dann 2016 erneut wiedergewählt und nun am 2. April in der ersten Runde zum Präsidenten Serbiens gewählt. Sein überwältigenden Sieg mit 55,02 Prozent der Stimme machte eine 2. Runde überflüssig. Einen solchen klaren Sieg gelang das letzte Mal vor 25 Jahren, Mitten im Bosnienkrieg 1992, damals siegte Slobodan Milošević gegen den gemäßigten Oppositionskandidaten Milan Panić. Der größte Wahlerfolg Vučićs stellt sich jedoch als seine größte Krise heraus. Seit Tagen ziehen Tausende durch Serbiens Städte um gegen den Wahlsieg zu protestieren. Die Zahl ist noch nicht groß, doch die Demonstranten zeigen ein Beharrungsvermögen, obwohl sie in den regierungsnahen Medien todgeschwiegen werden.  Es gab im letzten Jahr bereits Proteste gegen den illegalen Abriss von Häusern im Belgrader Savamala Bezirk, doch die jüngsten Demonstrationen sind die Ersten, die spontan und durch Serbien gegen die Dominanz Vučićs protestieren und seinen Rücktritt fordern. Als Ministerpräsident, zukünftiger Präsident und Vorsitzender der größten Partei des Landes, laufen alle Fäden bei ihm zusammen. Sein Kontrollwahn ist legendär und innerhalb seiner Partei und Regierung hat er systematisch alle Konkurrenten ausgeschaltet. Sein größter innerparteilicher Widersacher war Tomislav Nikolić, der bisherige Präsident, der unter Druck Vučićs nicht nochmals antrat. Sein größter Konkurrent in der Regierung ist Außenminister Ivica Dačić, Vorsitzender der Sozialisten (SPS), der unerwartet und wohl auch auf Vučićs Druck hin nicht bei den Wahlen antrat.

Die Dominanz Vučićs ist auch Ausdruck seiner Schwäche: Er wurde weniger Präsidentschaftskandidat, weil er Erdoğan oder Putin nacheifert ein Präsidialregime zu etablieren, sondern da ihm eine Alternative fehlte. In seiner Partei kann niemand so souverän die Wahlen gewinnen wie er. Seine Partei hat nun etwa so viele Mitglieder für die Kommunisten in ihren besten Zeiten und 2016 errang sie einen Sieg, von dem selbst Slobodan Miloševićs Partei nur träumen konnte. Doch alles häng von ihm ab. Seine Parteigänger sind loyal, aber selten kompetent und noch seltener beliebt. Keiner von ihnen hätte die Präsidentenwahl so klar gewinnen können. Staat, Regierung und Partei werden somit zu einer Vučić-Einmannshow.

Seine Übermacht wurde wenige Tage vor den Wahlen überdeutlich, als die Titelseiten aller Tageszeitungen von einer ANzeige für Vučić überdeckt wurden. So zeigt man Macht. Nur die liberale und kleine Qualitätszeitung Danas blieb ohne Vučić–und findet sich nun unter starkem finanziellen Druck nachdem viele Anzeigenkunden unerwartet gekündigt haben. Im heutigen Serbien ist es schwer Vučić zum umgehen, er blickt nicht nur von den Titelseiten der Zeitungen, er ist im Fernsehen, Radio und Internet omnipräsent und mit der Ausnahme von kleinen unabhängigen Internet-Portalen immer nur im besten Licht präsentiert. In den wichtigsten Fernsehsendern bekam er mehr Aufmerksamkeit als alle Oppositionskandidaten zusammen.

Diese Dominanz Vučić wird von der EU gerne übersehen. Bereits am 3. April schickten Kommissionspräsident Juncker und EU Präsident Tusk eine öffentliche Gratulation an Vučić und nannten seinen Sieg ein Vetrauensvotum für den europäischen Weg. Kritik an dem Abbau demokratischer Rechte, die eingeschränkte Meinungsfreiheit und Dominanz Vučićs konnte man bestenfalls zwischen den Zeilen lesen. Nur wenige Tage vor den Wahlen wurde Vučić in Berlin und Moskau empfangen und so konnte er sich mit Bildern mit Merkel und Putin im Wahlkampf schmücken. Auch wenn er sich von Merkel sicher Kritik hinter verschlossenen Türen anhören musste, so konnte er sich an der Öffentlichkeit weiter als Garant für Stabilität und Reformen präsentieren.

Nicht nur Serbien entwickelt sich Zunehmens zum autoritären System. Neben dem EU Staat Ungarn, herrschen in anderen Balkanstaaten starke Männer, die sich nur wenig um demokratische Prinzipen scheren: Von Nikola Gruevski in Makedonien, bis zu Milo Djukanović in Montenegro–beide nicht mehr Ministerpräsidenten–versuchen jedoch weiterhin die Geschicke der Länder zu lenken. Von Milorad Dodik in der serbischen Teilrepublik Bosniens zu Hashim Thaçi, dem Präsidenten des Kosovo, die Region ist bestimmt von starken Männern, die wenig Interesse an demokratischen Institutionen, Medienfreiheit und Reformen haben, sondern in erster Linie um die eigene Macht. Anders als Orban oder  Erdoğan haben sie sich keiner Ideologie verschrieben, sondern nur Machtwillen. Somit können sie sich jederzeit als EU-willige Reformer präsentieren, und gleichzeitig diese Reformen durch informelle Machtstrukturen untergraben.  Die EU hat somit auf dem Balkan unsichere Schönwetter-Partner, je schwächer die Perspektive auf Mitgliedschaft ist,  desto mehr werden Vučić und co. von Reformen abrücken.

Als vor 20 Jahren Zehntausende monatelang in Serbien gegen Milošević demonstrierten, so war seine Macht noch nicht gebrochen, noch sollte drei Jahre Serbien in den Kosovo Krieg und weiteres Leid führen, doch sein Bann war gebrochen und er konnte seine Macht nur mit zunehmend autoritären Mitteln erhalten. Die Proteste seit den Wahlen in Serbien, zeigen, dass Vučić trotz seiner Übermacht in Medien und Parlament, und Unterstützung durch die EU, nicht allmächtig ist. Die größte Gefahr besteht nun darin, dass die EU sich dem falschen Partner verschrieben hat und die Demonstranten die Union als Teil des Problems, nicht der Lösung für die Demokratisierung des Balkans sehen.